Der Ritter von der Brennenden Mörserkeule

Komödie von Francis Beaumont
Regie: Jens Heuwinkel
Deutsche Erstaufführung Übersetzung:J. Heuwinkel
Mit: Lena Klöber, Silke Natho, Thomas Bleidiek, Stefan Merten, Jürgen Reinecke, Pascal Scurk

Foto: Marianne Müller

Francis Beaumonts absurde Renaissance-Komödie "The Knight of the Burning Pestle“ (Der Ritter von der Brennenden Mörserkeule) gehört in England seit über 400 Jahren zum Repertoire. Die Komödie war ihrer Zeit voraus. Ritterabenteuer trifft Liebesgeschichte trifft Don Quijote trifft Monty Python. Kommentiert von einem vor sich hin waldorf und statlerndem Gemüsehändlerpaar.





Kritik

Rheinerlei in „Der Ritter von der Brennenden Mörserkeule“ – Horizont Theater

Von Tim Hildebrandt

400 Jahre alt und endlich relevant?

Machen wir es kurz: „Der Ritter von der Brennenden Möserkeule“ war die beste Inszenierung, die ich bis dato im Horizont Theater gesehen habe. Wem das jetzt als Rezension reicht, der kann ab hier direkt weiterscrollen oder das Fenster schließen. Und tschüss. Für alle anderen schreibe ich jetzt noch ein paar zusätzliche Zeilen; kann ja nicht schaden…

Vor über 400 Jahren, im Jahre 1607 um genau zu sein, feierte „The Knight of the Burning Pestle“ im Londoner Blackfriars Theatre eine komplett missratene Uraufführung. Es dauerte Generationen, bis die von Francis Beaumont geschriebene Inszenierung vom Publikum angenommen wurde, doch mittlerweile gehört sie zum Standard-Repertoire vieler Bühnen auf der Insel. Wie passend, dass der in London studierte Regisseur Jens Heuwinkel eben dieses Stück als seine erste Regiearbeit in das Horizont Theater importiert hat (und noch treffender ob der englischen Vergangenheit des Hausherrn Christos Nicopoulos) und damit ein Feuerwerk an britsch-deutsch-kölschen Slapstick-Humors abliefert, das sich wahrlich gewaschen hat.

Die Geschichte dreht sich, ähnlich dem Original, um eine Laienschauspieltruppe, deren Bühnenpräsenz durch die Zwischenrufe eines Gemüsehändlerpaares unterbrochen wird. Während das an peinliche TV-Auftritte affiger Präsidenten erinnert, fordert das Paar die Schauspielerschaft auf, ein minder kompliziertes Stück darzubieten. Denn denken und sich selbst reflektieren, das will weiß Gott keiner. Unterhaltung ist gefragt – und darum kümmert sich das Paar dann auch gleich selbst.

Ein Ensemble im Kampf der Kulturen

Sogleich stürmt der Lehrling der Gemüsehändler, Ralph, auf die Bühne und mimt den „Ritter von der Brennenden Möserkeule“. Er zieht, seinem Namen entsprechend, in den Kampf, um Riesen und allerlei sonstiges Gesocks zu vernichten, um der Liebe den endgültigen Dolchstoß zu versetzen und um einfach ein bisschen Chaos auf der Bühne zu verbreiten. Denn nebenher versucht das Laien-Ensemble, allem Unfug zum Trotz, die Liebesgeschichte „Der Kaufmann von Köln“ für den Rest des Publikums unbeirrt weiter aufzuführen.

Und ja, der Begriff chaotisch ist hier durchaus als chaotisch zu fassen. Die Aufführung jedoch wird dabei zu keinem Zeitpunkt unübersichtlich oder gar platt ob der vielen Slapstick-Einlagen. Das Gemüsehändlerpaar, gespielt von Jürgen Reincke und Silke Natho, macht vor allem durch seine unermüdlichen Zwischenrufe auf sich aufmerksam – und damit haucht es der Inszenierung den kölschen Touch ein, der auf der Insel so dringlich vermisst wird. Auch wenn die Brexilanten davon noch gar nichts wissen, das Zusammenspiel der beiden macht als Zuschauer unendlich viel Spaß und sorgt durchweg für herzhafte Lacher im Publikum.

Während die beiden für mich persönlich also das Herzstück der Inszenierung bilden, stehen ihnen die anderen aber keineswegs nach. Ob Pascal Scurk als eben jener über die Bühne flachsender Chaos-Ritter, Thomas Bleidiek als sorgender und ein wenig in der Vergangenheit steckengebliebener Vater der liebreizenden und zugleich störrischen Lucy (Lena Klöber), die Harmonie im Ensemble ist Spross für einen unterhaltsamen und überaus witzigen Theaterabend.

In dem vierteiligen Bühnen-Ensemble, den Ritter mit einberechnend, sticht für mich allerdings primär Stefan Merten heraus, der ebenso wie Bleidiek und Klöber gleich mehrere Rollen bekleidet und dessen Wandel vom Möchtegern-Intellektuellen Humphrey bis hin zum liebestollen Jasper beinahe von einer schauspielerischen Meisterleistung zeugt. Mal singt er, mal spielt er Ukulele, ein anderes Mal rezitiert er englische Verse – das alles in nahtlosen Übergängen und jede Rolle bis aufs Äußerste ausreizend. Das ist für mich, neben dem Gemüsehändlerpaar, die ganz große Überraschung dieser Inszenierung. Und eine höchst positive dazu.

Corona? Muss echt nicht sein

Negativ fällt mir demgegenüber nur eine Sache auf: Denn in einer Szene kommt Merten, und ich weiß auch gar nicht mehr in welcher Rolle, im Corona-Bier-Kostüm auf die Bühne und der Hint zu aktuellen Geschehnissen springt einem förmlich ins Gesicht. Unpassend, wie ich finde, denn diese Produktion hätte wahrscheinlich fast alles machen können, aber Erinnerungen an Corona zu wecken und damit die immersive Blase durchbrechend, das hinterließ bei mir einen bitteren Beigeschmack, denn ich war froh, endlich mal ausbrechen zu können.

Und so bleibt es, wie es schon immer war: Gebt dem Volke Brot und Spiele, gebt ihm Klopapier, Sex und Spaß – und alles ist gut. Die Blase, in der sich das Theater befindet und dessen es sich immerzu versucht zu entledigen, sie wird wohl immerzu eine Blase bleiben, denn dessen moralische Integrität bleibt, weiß man sich umzuschauen, nur dem kulturell interessierten Publikum vorbehalten, dessen vermeintlich moralische Tugendhaftigkeit mit den Bedürfnissen und Gelüsten des gemeinen Volkes nur wenig gemein hat. Dass gerade der „Ritter von der Brennenden Möserkeule“ so süffisant-zynisch und erbarmungslos darauf aufmerksam macht, das passt ins Bild. Und es sagt so viel aus…

Klare Empfehlung!