Pippa Pan

von Leonie Schlüter
nach einer Idee von Christos Nicopoulos
Regie: Charlotte Wulff
Mit: Leonie Schlüter

Foto: Horizont Theater

Pippa ist Straßenmusikantin und führt ein ungewöhnliches Leben. Sie wohnt in einem Baumhaus im Wald. Wie der antike Faun Pan liebt Pippa den Wald, die Natur und die Musik. Gemeinsam mit den Kindern macht sie sich auf Suche nach Freundschaft, Liebe und einem Zuhause. Ein Stück zum Mitfühlen und Nachdenken für Kinder ab 4 Jahren



Kritik

Rheinerlei in „Pippa Pan“ – Horizont Theater

Von Tim Hildebrandt

Einsamkeit im Kindesalter – Eine durchaus realistische Erzählung Ich bin ein glückliches Kind. Und ich bin es auch zeit meines Lebens immer gewesen. Mit Sicherheit war meine Kindheit nicht sorgenfrei, aber immerhin genoss ich das Privileg, nie alleine sein zu müssen. Ich konnte mich immerzu auf meine Eltern verlassen und das trotz der Tatsache, dass mein Vater „nur“ mein Stiefvater ist. Das muss beileibe nichts bedeuten, in anderen Familien läuft das aber anders. Ein abschreckendes Beispiel zeigt das Horizont Theater nun mit „Pippa Pan“. Die Mischung aus Peter Pan und Pippi Langstrumpf trumpft dabei mit einer erstaunlich straighten Message auf – und das trotz eines Themas, das schwer im Magen liegt und das eigentlich niemand so wirklich sehen will…

Pippa ist alleine. Zurückgelassen von ihrem Vater lebt sie in einem Wald, ein Geheimversteck bietet ihr Schutz vor Kälte und Regen. Ihre Mutter ist die Mutter Natur selbst – und die hört nicht immer auf Pippa. Das allerdings macht dem kleinen Mädchen, welches im Grundschulalter anzusiedeln ist, nichts aus, ihre Zuneigung ihr gegenüber ist nichtsdestotrotz ungebrochen. Was auch für das Verhältnis zu ihrem Vater gilt, ungeachtet der Tatsache, dass er sie alleine zurückließ, um sich „selbst zu verwirklichen“.

Eine Achterbahn der Gefühle
Geprägt ist die Inszenierung von einem ständigen Hin und Her der Gefühle. Und damit meine ich nicht die Gefühle Pippas, sondern meine Gefühle als Zuschauer. Pippa ist durchweg klar in ihrem Handeln, zumindest die meiste Zeit über, und oftmals scheint es so, als realisiere sie die Wucht der eigenen Situation nicht wirklich. Ich hingegen tue das durchaus. Das einsame Mädchen dort auf der Bühne (überzeugend gespielt von Leonie Schlüter) nimmt ihre Situation so, wie sie halt ist, und versucht immerzu das Beste aus ihr zu machen. In mir allerdings regen sich Mitleid, Wut und Ohnmacht, denn ich vergleiche die Situation durchweg mit meiner eigenen Kindheit. Wieso nimmt Pippa ihren Lebensumstand mit solch einer Leichtigkeit hin? Wie kann dieses Mädchen noch Zuneigung ihrem Vater gegenüber empfinden?

Zunächst habe ich Probleme das zu verarbeiten. Bis es dann endlich dämmert. Der wahre Grundton der Inszenierung ist nämlich nicht die kindliche Einsamkeit der Protagonistin, sondern ihre Handhabe mit jener. Sie lässt sich nicht unterkriegen, ist gemeinhin gut gelaunt und liebt das Leben mit all seiner Vielfalt. Und diese Vielfalt erlebt sie weiß Gott zur Genüge, dort in ihrem Waldversteck, mit der Mutter Natur als permanente Ansprechpartnerin.

Selbstliebe als Weg aus der Krise Es ist also eine Zwickmühle. Diese zutiefst nachdenklich stimmende Produktion, die eher was für Erwachsene denn für Heranwachsende ist, sie türmt sich wie eine Achterbahn der Gefühle vor mir auf; mit einem Happy-End, das eigentlich gar kein Happy-End ist. Denn die ganze Inszenierung ist ein Happy-End, ungeachtet aller negativen Konnotationen, die das düstere Basis-Thema mit sich bringt. Die spartanische aber ausreichende Bühnenausstattung sowie die darauf abgestimmten Sound- und Lichteffekte holen das Waldleben geradewegs in den Thürmchenswall und sie alle leisten ihren Beitrag, um das Geschehen so realistisch wie möglich zu gestalten.

Und zum Schluss ist halt Pippas Verhalten die alles entscheidende Botschaft: Sie symbolisiert und personifiziert die Selbstliebe, die sie für sich und für alles um sich herum empfindet und durch die das junge Mädchen anscheinend jede noch so schwierige Situation zu meistern imstande ist. Und das war auch das, was ich aus dieser Aufführung mit nach Hause genommen habe: Love yourself!



„Pippa Pan“ im Horizont Theater Josephine Hepperle · 22.09.2020

Am 5. September hüpfte, stampfte und spielte Leonie Schlüter als „Pippa“ im Stück „Pippa Pan“ über die verwunschene Bühne des Horizont Theaters im Eigelsteinviertel in Köln. Es war nicht nur die Premiere der Inszenierung, sondern auch die Regie-Premiere für die 21-jährige Charlotte Wulff. Das junge Publikum taucht ein in die Gedankenwelt des jungen Mädchens Pippa und hinterfragt Leid, Schmerz, Einsamkeit, Trauer, Freude und Mut.

Im Geheimversteck leben Pippa, die eigentlich von ihrem Musiker-Vater Felippa getauft wurde, lebt in ihrem selbstgezimmerten Geheimversteck mit Schaukelpferd Robert im Wald. Wo genau das Geheimversteck ist, kann an dieser Stelle nicht verraten werden, denn das haben wir Pippa versprochen. Sie ist nicht älter als zehn Jahre und schon auf sich allein gestellt – von Papa Pan fehlt jede Spur. Er scheint auf Reisen zu sein, um als Musiker neue Welten zu entdecken. So erzählt uns Pippa aber weiter, dass sie nicht eine Sekunde alleine ist. Denn ihre Mutter ist die Natur selbst und überall und jederzeit um sie herum. Ob als pfeifender Wind, der das Laub von dem feuchten Waldboden aufwirbelt oder als wärmende Sonnenstrahlen, die ihre Sommersprossen zum Vorscheinen bringt – Mutter Natur ist stets an ihrer Seite.

Zwischen freudigem Vogelgezwitscher und lautem Donnerwetter Und falls Pippa und ihre Mutter sich mal in die Haare kriegen, dann kommt der Krachmachhaufen zum Einsatz und es ertönt ein großes Donnerwetter. Die aneinandergebunden Blechbüchsen, Kochtöpfe und Karottenreiben lassen sich ganz fabelhaft mit Stöcken zum klingen und schallen bringen. Da gegen kommt selbst der laute Donner und das Blitzgewitter von Pippas Mama nicht an. Musikalisch geht es auch weiter durch das bunte Treiben auf der kleinen Waldlichtung. Die Panflöte nutzt die junge Waldbewohnerin als Sprachrohr zu den Vögeln und das Erklingen der Ukulele hilft ihr die Erinnerungen an Papa Pan aufleben zu lassen.

Zauberschuhe gegen Einsamkeit

Die Schauspielerin und Autorin Leonie Schlüter hüllt uns mit den ertönenden Klängen in das kindliche Begreifen der Lebenssituation der jungen Pippa. Angst und Einsamkeit sind zwei grundlegende menschliche Empfindungen, über die wir nur selten gerne sprechen. Anfangs ist nicht eindeutig, warum Pippa so lebt wie sie lebt. Doch mit der Zeit werden wir als eingebundene und angesprochene Zuschauende mit der Realität des Mädchens konfrontiert. Eine unbeschwerte Kindheit haben – davon ist das Mädchen mit den selbsternannten Zauberschuhen leider sehr weit entfernt.

Wir müssen uns dabei eben auch diesen unangenehmen und schmerzhaften Empfindungen stellen. Kindheit sollte geprägt sein durch Schutz, Liebe, Geborgenheit und so vielem mehr, was uns Sicherheit und Ruhe zum Aufwachsen schenkt. Stets an der Seite des Kindes die Familie und Freundschaften und eben auch dieser Ort, an den wir immer zurückkehren können und der uns ein Gefühl von Wärme spendet – ein Zuhause.

Ein Seesack voll schwerer Geschichten und eine Keksdose voll Hoffnung Die Erzählung der „Pippa Pan“ kommt mit einem Seesack gefüllt mit schwerer Vergangenheit daher. Dabei schafft es die Darstellerin uns auch ein Gefühl von Glückseligkeit und Freude über die kleinen Dinge des Lebens entgegenzubringen. Als Publikum sind wir dazu eingeladen, über das Leben und die Zukunft eines Kindes nachzudenken. Auch wenn der Inhalt der Geschichte nicht leicht zu verdauen ist, liegt die Vermittlung dessen alles andere als schwer im Magen.

Mit krachmachender und melodieklingender Musik, lautem Getrampel, einer eingebuddelten Keksdose und mit besonders ganz viel Spaß wird die Waage zwischen dem schwerem Thema der Einsamkeit eines Kindes und dem leichten Mitmachtheater für die Familie gehalten.

Nach dem Stück habe ich mit meinen Sitznachbarinnen, zwei Mädchen von fünf und acht Jahren, gesprochen. Ich habe sie natürlich gefragt, wie sie das Stück fanden. Darauf weiteten sich die großen Kinderaugen zu noch viel größeren und das ältere Mädchen schwärmte, dass sie alles ganz toll fand. „Vor allem die Musik!“... „und Pippa!“ ergänzte ihre kleine Schwester. „Obwohl die Thematik so schwer war, hat die Schauspielerin das wirklich so schön gemacht. Den Kindern hat es total gefallen“, fügte die Oma der beiden theaterbegeisterten Mädchen hinzu.