Dido und Aeneas

Nach „Dido, Königin von Karthago“ von Christopher Marlowe
Regie: Christos Nicopoulos
Dramaturgie und Übersetzung: Andreas Jäger
Mit: Pascal Scurk, Gerrit Pleuger, Bettina Muckenhaupt, Thomas Franke,
Kai Philipp Mücke, Janosch Roloff
Kostüme: Petra Berenfänger
Bühnenbild: Jan Pawlowski

Foto: Klaudius Dziuk

Vom Krieg aus der Heimat Troja vertrieben und nach langer Irrfahrt auf dem Meer, verschlägt es den Helden Aeneas und seine Gefährten ins nordafrikanische Karthago. Dort werden sie von der stolzen Königin Dido gastlich aufgenommen. Doch die Harmonie wird von den Interessen der Götter durchkreuzt. Während Venus, Aeneas Mutter, eine unheilvolle Liebe zwischen Dido und Aeneas entflammt, drängt Göttervater Zeus die Trojaner dazu weiterzuziehen und ihr Schicksal in der Gründung Roms zu erfüllen. Hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Pflichterfüllung entwickelt sich eine Tragödie mit tödlichem Ausgang. Der Shakespeare-Zeitgenosse Christopher Marlowe hat in seinem allerersten Theaterstück eine der größten Liebesgeschichten der Antike aufgegriffen, die heute erzählt eine überraschende Aktualität aufweist.

Kritiken

Zwischen Liebe und Prophezeiung: „Dido und Aeneas“ im Horizont Theater

Köln | Mit „Dido und Aeneas“ nach einem Stück von Christopher Marlowe bringt das Horizont Theater einen antiken Stoff auf die Bühne. In zeitgemäßer Übersetzung wird daraus ein kurzweiliger Abend, der zeigt, dass die Liebe auch vor den Mächtigen nicht Halt macht.

Wie ein alter Lüstling vergnügt sich Zeus (Thomas Franke) mit Ganymed (Kai Philipp Mücke). Der leckt sich (und dem Göttervater) lasziv die Finger, macht eindeutige Anspielungen. Ihm gefällt die Rolle der naiven Lolita. Doch Venus (Gerrit Pleuger) stört das wilde Treiben auf dem Schaukelpferd. Ihr Sohn Aeneas treibe verloren auf dem Meer, nachdem er vor dem Krieg in Troja geflohen war. Zeus solle doch bitte etwas tun und den Sturm beenden. Ohne Venus’ Eingriff hätte Rom früher gegründet werden können

Gesagt, getan. Aeneas (Janosch Roloff), Julus (Kai Philipp Mücke) und Achates (Pascal Scurk) landen in Karthago. Dort nimmt sie die erhabene Königin Dido (Bettina Muckenhaupt) auf und lässt die Schiffe reparieren. Jetzt könnten sie eigentlich weiterziehen, um in Italien die Stadt Rom zu gründen, wie Zeus befiehlt. Doch Venus hat andere Pläne: Sie hat ihre Finger – und ihren Sohn Eros – im Spiel und lässt Dido sich in Aeneas verlieben. Der findet sich so zwischen Liebe und göttlicher Prophezeiung hin- und hergerissen.

„Dido und Aeneas“ in der Inszenierung von Christos Nicopoulos beweist, dass Theater auch ohne viel Schnickschnack kurzweilig und unterhaltsam sein kann. Der von Andreas Jäger neu übersetzte Text, statt in Versform in Prosa gehalten, wird dadurch verständlicher und büßt dennoch nichts an Sprachgewalt ein. Ein geschickter Einsatz von Licht, Dunkelheit und Schatten (Lichtdesign: Gregor Röttger) eröffnet viele Möglichkeiten auf der kleinen Bühne, die sonst nur Schaukeln braucht (Bühnenbild: Jan Pawlowski), um die Darsteller spielen zu lassen. Fein ausgearbeitete Rollen und ein harmonierendes Ensemble

Sie alle haben fein ausgearbeitete Rollen (und Kostüme von Petra Berenfänger): Die stolze und doch selbstironische Dido, die bald merkt, dass Liebe auch vor einer mächtigen Königin nicht Halt macht. Der saloppe König Iarbas (Thomas Franke), immer direkt und bald genervt von Didos Stimmungsschwankungen, verkommt nicht als Nebenrolle, sondern lockert das ganze Stück auf. Kai Philipp Mücke besticht in all seinen drei Rollen: Vom kindlich-nervigen Julus über den gewitzten, bissigen Eros bis zu Ganymed, der auf einer Lyra zupft und seine Reize auf Zeus voll und ganz einzusetzen weiß.

Christos Nicopoulos schafft es, in der Abwechslung von berichtenden Teilen, Liebesschwüren und actionreichen Szenen eine Dynamik herzustellen, der es Spaß macht zuzusehen. Es wird nie langweilig, immer passiert etwas, das Ensemble scheint perfekt zu harmonieren. Ein antiker Stoff, behutsam modernisiert, wird auf diese Weise sehenswert.

Kritik report- k | F. Schäfer


Mitreißend majestätisch
„Dido und Aeneas“ als Theaterstück von Christopher Marlowe im Horizont


VON BARBRO SCHUCHARDT

Er will Schiffe zur Flucht. Sie will ihn. Das kann also nicht wirklich gut gehen mit Dido und Aeneas. Denn der geschlagene Held des Trojanischen Kriegs hat eine göttliche Mission zu erfüllen: In Italien soll er Rom als ein neues Troja gründen. Dass Dido, die stolze Königin von Karthago, ihn durch Liebe in Fesseln legt, passt nicht in seine Pläne.
Auf der Bühne des Horizont-Theaters fängt die Geschichte sehr lustig an: Göttervater Zeus (köstlich: Thomas Franke) schäkert im Olymp mit seinem Lustknaben Ganymed (Kai Philipp Mücke), während die schräg aufgebretzelte Venus (Gerrit Pleuger) die Verkuppelung ihres Sohnes Aeneas mit Dido plant. Und dann: Cut. Krasser Szenenwechsel. Die drei schiffbrüchigen Flüchtlinge Aeneas (Janosch Roloff), Sohn Julus (ebenfalls Mücke) und Freund Achates (Pascal Scurk) stranden an der nordafrikanischen Küste. Werden von der Königin freundlich aufgenommen. Und tatsächlich verliebt sie sich in den jungen Abenteurer.
Christos Nicopoulos hat das auf Vergils Epos „Aeneis“ basierende Stück von Christopher Marlowe (1564-1593) in Andreas Jägers Neuübersetzung unter dem Titel „Dido und Aeneas“ mit viel Witz, aktuellen Migrations-Bezügen und einer herausragenden Frauenfigur in Szene gesetzt.
Bettina Muckenhaupt verkörpert mitreißend die majestätische Herrscherin Dido, die sich tief demütigt für ihre späte Liebe. In einer ergreifenden Szene nimmt sie sich schließlich das Leben, als Aeneas sie verlässt. Dabei erwidert er, dem sie sogar „die Krone Libyens“ anbietet, ihre Gefühle zunächst durchaus. Janosch Roloff schwankt in der Rolle überzeugend zwischen Pflicht, Neigung und Opportunismus, den Didos eifersüchtiger Verehrer, der doppelzüngige Iarbas (abermals großartig: Thomas Franke) geschickt nutzt. Er verhilft Aeneas zur Abreise Richtung Italien und schafft damit den Nebenbuhler aus dem Weg. Christos Nicopoulos' souveräne Regie berührt, amüsiert und besticht mit dem sicheren Gespür für Stil- und Perspektivwechsel – Commedia dell'arte trifft großes Drama. Die gelungene Wiederbelebung eines äußerst selten gespielten Stücks – wenn man von Henry Purcells gleichnamiger Oper absieht. (Kritik Kölnische Rundschau)