Barfuß Nackt Herz in der Hand

Text & Regie: Ali Jalaly
Darsteller: Michael Morgenstern
Veranstalter: Ali Jalaly Ensemble


Laudatio auf das Stück „Barfuß Nackt Herz in der Hand" anlässlich des Landespreises für Volkstheaterstücke 1999. Jan Knopf Prof. Dr. Jan Knopf war 1999 Leiter der Arbeitsstelle Berthold Brecht am Institut für Literaturwissenschaft der Universität Karlsruhe. Wie wird man mit den Erlebnissen fertig, mit denen eigentlich nicht fertig zu werden ist? Der in Deutschland als Müllmann und Straßenkehrer arbeitende Türke Ali Delir hat durch einen Brandanschlag, den Skinheads auf sein schwer erwirtschaftetes Haus verübt haben, außer seiner Tochter Maryam seine gesamte Familie verloren. In einem monologischen Rückblick lässt er die Ereignisse und ihre Folgen nochmals an sich vorüberziehen. Das Stück lebt vor allem durch den fremden Blick der Hauptfigur, der als der "normale" eingeführt ist. Ali verlangt -"Wir andere Religion" - wie selbstverständlich, dass seine abweichenden Überzeugungen von seinen deutschen Mitbürgern anerkannt oder zumindest toleriert werden, was natürlich immer wieder zu Kollisionen führen muss. Es zeichnet jedoch das Stück aus, den Culturclash nicht stur und in allem Ernst zu thematisieren, sondern trotz der Schläge, die Ali keineswegs als Schicksal heimgesucht haben, von beiden Seiten her zu relativieren. So setzt Ali einerseits zwar durch, dass der zukünftige deutsche Ehemann seiner Tochter beschnitten wird, andererseits aber muss er seinen Tribut zollen, wenn er, der Hunde hasst wie die Pest und ihre Halter am liebsten aufhängen möchte, den Hund, der seinen Sohn beim Brand (zunächst) gerettet zu haben schien, quasi als Sohnersatz annimmt. Oder wenn Ali, der Weinen nur Frauen zubilligt, denn doch weint, wenn er sich des Anschlags erinnert. Trotz seiner politischen Hintergrundthematik rechnet das Stück nicht mit den bundesdeutschen Zuständen ab. Den (scheinbar) typisch deutschen Figuren stehen andere gegenüber, die das Bild nicht nur relativieren, sondern außer Kraft setzen, allen voran die alte Frau, die von ihren Kindern verlassen - sie kommen nur pflichtgemäß zu Weihnachten -, Ali ihr Haus und, wie abschließend angedeutet wird, ihre Liebe schenkt. Obwohl es sich um einen Monolog handelt, gelingt es dem Autor Ali Jalaly, die Vielzahl der imaginierten Figuren lebendig werden zu lassen und im mangelhaften Deutsch seiner Hauptfigur - das keineswegs das ihres Autors ist - witzige und pointenreiche Sprachspiele zu schaffen, die dem Missverständnis und der Verständigung gleichermaßen dienen. Über allem liegt - trotz aller Bitternisse - eine Haltung von Freundlichkeit, von der Walter Benjamin einmal gesagt hat, dass sie zum Minimalprogramm der Menschlichkeit gehöre. Das Stück ist sehr menschlich - auch wenn es vom Minimalprogramm für Humanität noch weit entfernt sein muss.

Auszüge aus dem Grußwort von Ignatz Bubis zur 6. Gedenkveranstaltung des Solingener Brandanschlags. "Das Theaterstück Barfuß Nackt Herz in der Hand, das unmittelbar nach dem Pogrom in Solingen von dem aus Teheran stammenden und in Köln lebenden Ali Jalaly geschrieben wurde, ... ist ein Monolog voller Kontraste, der das Publikum nicht nur in ein Wechselbad von Gefühlen eintaucht sondern auch Alis erster Versuch ist, mit dem schrecklichen Geschehnissen der Brandnacht fertig zu werden, sich ein letztes Mal von seiner Familie zu verabschieden aber gleichzeitig sich zu erinnern und nicht zu vergessen. Diese Erinnerung durch das Stück, die nicht anklagend ist, weil sie keine Unschuldigen schuldig spricht, ist ganz besonders wichtig. Nicht nur, weil sie die Verlorenen in unseren Herzen lebendig hält, sondern auch das einzig wirksame Mahnmal gegen die Verbrechen der Fremdenfeindlichkeit.“

Auszüge aus dem Grußwort von Johannes Rau zur 10. Gedenkveranstaltung des Solingener Brandanschlags. „Das Bewegendste ist für mich die Haltung der Familie Genç. Da war kein Hass, kein Abschied, sondern stets der Ruf nach Versöhnung zwischen den Menschen und den Völkern. Das ist das positive Signal nach der schrecklichen Tat.“

„Wir wenden uns heute, einen Tag nach dem Urteil, an alle jungen Leute in Deutschland und in der Türkei ... Der Richter hat das gestern richtig als sinnlose Tat bezeichnet, die auf Rassenhass beruht ... Dabei haben wir Jugendlichen, egal, ob wir Deutsche oder Türken sind, egal, welche Hautfarbe wir haben oder aus welchem Land wir kommen, gemeinsame Interessen. ... Wir müssen uns gemeinsam für Verbesserungen einsetzen. Hass spaltet nur und führt im schlimmsten Fall zu solchen schrecklichen und sinnlosen Taten. ... So etwas sollte sich nie mehr wiederholen.“ – Fadime und Bekir Genç: In: Metin Gür, Alaverdi Turhan: Die Solingen-Akte

Pressestimmen


„Groteske Erinnerungen an die Familie, die da gewohnt hat und seine Frau, die in der Gefahr nicht die richtigen deutschen Worte findet. Den Monolog hat Ali Jalaly geschrieben: Flirrendes Wortmaterial für das Vielrollenspiel des orientalischen Erzählers. Das Stück erschüttert durch seinen fortwährenden Widerstand gegen die Tragik.” Die Welt „In der Regie des Autors ist ein funkelndes Verwirrspiel vieler Facetten, ein Jonglierkunstwerk mit Rätseln und vermeintlichen Widersprüchen entstanden. Von aberwitziger, trockener Humorigkeit Alis Betrachtungen hiesiger (Wirtschafts-) Wunderlichkeiten, deutscher Einsamkeiten am Beispiel der nach Rosen ”stinkenden” alten Frau im Fenster, mit der ihn nach allem Grauen ein liebevolles, familiäres Verhältnis verbinden wird. Drastische, schlaglichternde Komik wechselt plötzlich mit kindlicher, raffinierter Logik.” Kölner Stadt-Anzeiger „Die Begegnung mit dem Fremden steht [...] im Mittelpunkt des Monologs ’Barfuß Nackt Herz in der Hand’. Da Ali ein anständiger Gastarbeiter ist, bewältigt er auch seine Trauer und Wut auf anständig deutsche Weise: Seine Tätigkeit als Reinigungskraft steigert sich in manische Putzanfälle allerorts und jederzeit.“ Theater der Zeit „ … ein gelungener Text, in dem die Lebensfreude, die Geselligkeit und Hilfsbereitschaft eines bei uns ansässig gewordenen Ausländers ebenso dargestellt werden wie sein Leiden und sein Schmerz. Jalalys Kunst zeigt sich darin, dass er seinen Ali nie die Stimme zur Anklage erheben lässt, sondern die antirassistische Tendenz des Stücks aus der Konfrontation von unverständlicher Bösartigkeit mit liebenswürdiger Menschlichkeit entstehen lässt.“

Berner Zeitung BZ
„Das Theaterstück thematisiert das gewaltsame Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen…Was humoristisch beginnt, etwa mit einem Wettbewerb: ’Welcher Schwanz ist schöner, die mit oder ohne Haut vorne?’ weitet sich aus, wird zum zwischen Weinen und Lachen pendelndem Monolog. Die schmutzige Wäsche ist Metapher für die Sehnsucht nach Reinheit, die er sucht, indem er die Straße von ’Hundekacke’ freihält oder Reste von ’McDonalds-Scheiße’ wegräumt. Seinen Sohn tauft er in Gottfried um, wünscht ihn blond und weißhäutig. Die Sauberkeit aber, die er bei seiner Umwelt auszumachen glaubt, ist nur Fassade, hinter der sich eine gefühlskalte Welt verbirgt: Die alte Frau lebt in einer zwar sauberen Wohnung, aber verlassen von ihren Kindern, die sie nur zu Weihnachten besuchen. … Die Stärke dieses Stücks liegt darin, dass sich die Auseinandersetzung nicht auf eine bloße Sozialkritik beschränkt. Ali Jalaly geht tiefer und sein Stück weist über die Zeitaktualität hinaus. Die Attentäter sind, wie auch die Verwandtschaft der alten Frau oder ein öffentlichkeitsbewusster Bürgermeister, Bestandteil einer gefühlsarmen Gesellschaft… Markus Rub … überzeugt das Publikum sowohl von den skurrilen als auch von den melancholischen Seiten Alis … Das Stück schließt mit einem Akt der Versöhnlichkeit: Ali stellt sich das Zusammentreffen all derer vor, die er liebt. Der Himmel öffnet sich und er sieht, dass seine Frau auch im Himmel ihren Platz als gute Köchin gefunden hat. Kitsch? Keineswegs. Vielmehr Ausdruck einer Haltung, die Schranken abbaut, wo andere unfähig sind, dasselbe zu tun.” Bieler Tagblatt/ Seeländer Bote „In Alis scheinbar so naivem Blick auf die Welt liegt die gesellschaftskritische Kraft dieses Textes, der, zwischen Komik und Entsetzen changierend, Schmerz spürbar werden lässt.” Kölner Stadt Revue

„Ein Theaterstück macht Karriere. Die Frage, ob sich ein iranischer Theatermacher in Deutschland durchsetzen kann, hat der Kölner Ali Jalaly in beeindruckender Form bewiesen. Sein Stück, "Barfuß ... " mausert sich zum Dauerbrenner.“ Theater Pur

„Ein Theaterereignis … Eine Groteske, die unter die Haut geht, in ihrer Schlichtheit erschütternd, ihrer Treffsicherheit beschämend … Eine beeindruckende Premiere, die ohne Klage und ohne Anklage zwei Welten, zwei Kulturen und zwei Religionen, aufeinanderprallen lässt, die so unversöhnlich sein wollen und so versöhnlich sein könnten: … So flehen die poesievollen Worte dieses Monologes wie zärtlich leise Lieder.” WAZ „In aberwitzigen Monologen verquickt Ali die Kulturen… Sorgsam differenziert er zwischen aufkeimender Aggression und hilfloser Ohnmacht. ... Mit intelligentem Humor meistert Ali den kulturellen Spagat in fremder, manchmal „befreundlicher“ Umgebung… „ NRZ

„Ohne Anklage, mit groteskem Humor entfaltet Jalaly den Monolog des Gastarbeiters Ali, in beeindruckender Innensicht – als teile Jalaly das Schicksal seines Anti-Helden wie Sancho Panza das des Don Quijote – entblättert sich Schicht für Schicht Alis seelische Verletztheit; denn Ali ist in keiner Kultur mehr zuhause.” Wochen-Anzeiger Oberhausen „Ein bewegendes, kleines, aufrüttelndes Stück aus dem deutschen Alltag.” neues rheinland „Barfuß…“ zerrt an den Nerven, geht an Grenzen und emotionalisiert die kulturelle Zerrissenheit der hiesigen Muslime… Jalaly klagt nicht an, er dokumentiert subtil und akribisch.“ Dürener Zeitung, ’Barfuß … ’ ist kein beliebiger Appell gegen Rassismus, sondern zeigt – unterhaltsam – die individuelle Katastrophe eines, den es getroffen hat. Das wirkt.” Kölner Kultur „Kann sich ein iranischer Theatermacher in Deutschland durchsetzen? Der Wahlkölner Ali Jalaly hat es bewiesen. Als Theaterautor ist er anerkannt, viele Regiearbeiten waren Erfolge. In ’Barfuß ...’ schildert er mit schwarzem Humor, wie ein Türke sich mit den Deutschen ein neues Stück Heimat schafft.” Express

„Ein Theaterereignis […] eine Groteske, die unter die Haut geht, in ihrer Schlichtheit erschütternd, ihrer Treffsicherheit beschämend, ohne Klage und Anklage zwei Welten, zwei Kulturen und zwei Religionen aufeinanderprallen lässt, die so unversöhnlich sein wollen und so versöhnlich sein könnten: ... so flehen die poesievollen Worte dieses Monologes wie zärtlich leise Lieder.” WAZ „Tobend, lachend, weinend offenbart sich … ein verwirrter Seelenzustand zwischen Trauer, Stolz, Freude, Glaubenszweifel, Verbundenheit… Ein Stück, das weder anklagt noch Gräber aufreißt. Im Gegenteil: Ali kann sympathischer kaum sein.” Westdeutsche Zeitung

Verzweiflung eher diskret, konzentriert sich einzig auf den Schauspieler Peter Hub [...]. Der Schweinfurter Hub [...] vermittelt dann plötzlich den hysterischen Schrecken so eindrücklich im einsamen Spotlight, dass es den Zuschauern nachhaltig graust.” Schweinfurter Tagblatt

"... Tiefgreifend rührt Jalaly an eines der größten gesellschaftlichen Probleme des modernen Deutschland - Ablehnung Fremden gegenüber, die zuweilen in blinden Hass auflodert... " Märkische Zeitung „Afrikanischer Ali mit großer Präsenz … mit Herz gegen den Hass.“ Saarbrücker Zeitung



Premiere

Mittwoch 04. November um 20:00 Uhr