Werther!

nach Goethe
Regie: Anja Schöne
Mit: Jennifer Tilesi Silke, Signe Zurmühlen, Björn Lukas

Foto: Dirk Burghaus

WERTHER will sich nicht anpassen – WERTHER will das ganz große Gefühl, will Freiheit, Abenteuer und Emotionen, will Beachtung und Liebe. All das teilt er (oder sie?) der Welt über seinen Blog, Posts und Videos im Internet mit. Doch nicht allen gefällt diese Selbstinszenierung. Als WERTHER beginnt, seiner Netzwerkfreundin Lotte öffentliche Liebeserklärungen zu schicken, spitzen sich die Ereignisse für WERTHER und seine Fan Community dramatisch zu. Zitate aus Goethes Briefroman, Internetslang und das zeitlose Aufbegehren jugendlicher Emotionen verbinden sich in WERTHER zu einer spannenden Reise in die Gedanken- und Gefühlswelten junger Menschen.

PRESSE

Kritik: akT – Die Kölner Theaterzeitung Juni 2013

DER BLOGGER-GURU

Im Horizont Theater gelingt der Regisseurin Anja Schöne mit "WERTHER! I Like" eine moderne und gefühlvolle Goethe-Adaption, die den Zweifeln und Problemen von jungen Erwachsenen auf den Grund geht.

WERTHER, so nennt sich ein anonymer Blogger, der über Wochen täglich Goethe-Zitate postet und sich als echte Rarität entpuppt - ein Anker für junge Freiheitssuchende. Doch als er anfängt, seine Internetfreundin Lotte mit Liebesbotschaften zu überschütten, melden sich neben begeisterten Anhängern immer mehr negative Stimmen. Bis der Goethe-Blogger beleidigt im weiten Internet-Orkus verschwindet und nie wieder auftaucht. Da setzt Anja Schönes Inszenierung ein: WERTHER ist längst weg, zurückgeblieben sind drei Jugendliche. Vera (Signe Zurmühlen), die voller Begeisterung für Werthers Ideale immer noch auf eine Rückkehr hofft, der Konformist Daniel (Björn Lukas), der eigentlich nur will, dass alles so wird wie früher, und die Geliebte Lotte (Josephine Gey), die naiv und schön auf einmal an ihrer Beziehung zu Daniel zweifelt. Fragt sich, ob sie dabei nicht das Leben verpasst. Die Handlung von Goethes Bestseller-Briefroman von 1774, "Die Leiden des jungen Werther", spielt nur entfernt eine Rolle. So bleibt etwa sein Selbstmord aus enttäuschter Liebe nur virtuell.

Viel wichtiger sind Goethes Hauptmotive: es geht um Freiheit, darum, das Leben mit allen Sinnen zu erfahren und sich nicht nach Konventionen zu richten. Drei Kisten, drei von der Decke baumelnde Kopfhörer und fast durchsichtige Vorhänge am Rand bilden die spartanische Kulisse (Jan Pawlowski). Hier tut sich eine Welt der zarten Gefühle auf. Regisseurin Anja Schöne gelingt es, alle Charaktere so zu inszenieren, dass eine Identifizierung leicht fällt. Selbst mit dem glatten, strebsamen Daniel hat man Mitleid. "Ich schwimme und sie fliegt und eines Tages fliegt sie mit einem davon, der fliegen kann und nicht nur so tut", erklärt er verzweifelt. Werther taucht dann doch manchmal auf, in Form von zitierten Roman-Passagen oder in Gestalt der sprunghaften, melancholischen und freiheitsliebenden Vera. Sie könnte das weibliche Pendant zu ihm sein.
In "WERTHER! I Like" vermischt sich die reale Welt mit dem Internet-Universum. Da werden Online-Computerspiele nachgestellt und Gruppenchats in verteilten Rollen imitiert. So entstehen amüsante Situationen und schöne Bilder. Etwa wenn die Protagonisten alle Chat-Kommentare mit Satzzeichen mitsprechen oder auf Kommando nach imaginären Buchstaben greifen. Trotzdem wirken Sprache und Handlung oftmals zu sehr auf jugendlich getrimmt. Weit her geholt ist auch die Geschichte von dem Blogger-Guru, der das Leben von drei Menschen in tiefe Krisen stürzt. Toll funktioniert hingegen das Weglassen einer echten Werther- Figur. Ständig fragt man sich, wer könnte er oder sie gewesen sein?
So wird konstant Spannung erzeugt, die sich auch in der Spielfreude der Schauspieler wiederfindet. Was am Ende bleibt, ist die Sicherheit, dass wir uns alle oft nach mehr Freiheit sehnen.
ESTHER BUTT