Bühnenfassung: Albert Ostermaier
Das Leben der Anderen

von Florian Henckel von Donnersmarck
Regie: Christos Nicopoulos | Darsteller: N.N.

 

von Florian Henckel von Donnersmarck
Bühnenfassung: Albert Ostermaier

Regie: Christos Nicopoulos

Mit: Eva Marianne Kraiss, Björn Lukas,
Jürgen Reinecke, Gregor Röttger


Eine Bespitzelungsgeschichte aus einer Diktatur,
in diesem Fall die der ehemaligen DDR.
Diese Geschichte ist so wunderbar verfilmt
worden, dass es unmöglich wäre, dies im Theater
einfach zu reproduzieren. Theater aber
in seiner Unmittelbarkeit schafft ganz andere
Möglichkeiten: Theater kann neue Dimensionen
eröffnen und ein Ereignis schaffen, bei dem alle
Beteiligten miteinander verbunden sind. Opfer
und Täter, Schauspieler und Publikum nicht im
gemeinsamen Verstehen, sondern im gemeinsamen
Erleben.

Die Utopie von Unschuldigkeit

„Das Leben der Anderen“ feierte Premiere im Horizont-Theater

Zum Tag der Deutschen Einheit feierte im ausverkauften Horizont-Theater Florian Henckel von Donnersmarcks Stasigeschichte „Das Leben der Anderen“ eine viel beachtete Premiere.

Der Adaption des Oscarprämierten Films über Bespitzelungstaktiken in der ehemaligen DDR gelang in einer Bühnenfassung von Albert Ostermaier ein bewegendes Schauspiel über die Elemente der menschlichen Sehnsucht: Glaube, Hoffnung, Liebe. Schon bald entlarvt sich das Sehnen als pure Illusion, die in Verführung, Verrat und Verachtung mündet.

„Diese Geschichte ist so wunderbar verfilmt worden, dass es unmöglich wäre, dies im Theater einfach zu reproduzieren“, ließ Horizont-Regisseur Christos Nicopoulos im Vorfeld der Premiere verlauten. In seiner Inszenierung auf einer spärlich bestückten Bühne konzentrierte sich alles auf die innere Verfassung der Protagonisten. In langen Monologen legten Täter und Opfer ihre Psyche offen und offenbarten sich dabei als naive und selbstsüchtige Flüchtlinge vor der Wirklichkeit, die nicht eingestanden werden will. Eva Marianne Kraiss als gefeierter Bühnenstar, Christa-Maria Sieland, Jürgen Reinecke als Stasi-Minister Hempf, Björn Lukas als hin- und hergerissener „Abhörer“ Wiesler sowie Gregor Röttger als Schriftsteller Georg Dreymann genügten als Ensemble, um das Spiegelbild einer dem Untergang geweihten Gesellschaft wiederzugeben.

Der Schatten der Diktatur gereichten jedoch bis in das wiedervereinigte Deutschland, in dem sich so mancher Herald der Tyrannei eine gutdotierte Nische im ehemals verachtenten Kapitalismus schuf. „Die Zuhälter der Freiheit“, wie Ostermaier sie beschrieb, sind allgegenwärtig. Am Ende blieb die Utopie von Unschuld – viele Opfer waren Täter oder mussten dazu mutieren.

Einziger Kritikpunkt in einer kraftvollen und charismatischen Aufführung war die Dauer von über zwei Stunden. Eine Pause wäre sowohl für die Schauspieler als auch für die Zuschauer wohlverdient gewesen.


WAS NACH DEM FILM GESCHAH

CHRISTOS NICOPOULOS INSZENIERT „DAS LEBEN DER ANDEREN“ IM HORIZONT-THEATER

Der DDR-Kulturstaatsminister im kargen Hotelzimmer ist erst unruhig, dann wütend. Einen wie ihn, „Herrscher über alle Bühnen“, versetzt man nicht. Auch nicht die berühmte Schauspielerin, die „Perle der Deutschen Demokratischen Republik“, mit der er sich schmücken will.

Doch zuvor muss er Christas „Dichterschlappschwanz“ ihren Lebensgefährten aus dem Weg räumen. Der Kulturstaatsminister hat Macht, es kostet ihn nur ein paar Telefonate.

Doch die Schauspielerin wird an diesem Abend nicht kommen. Sie unterschreibt damit ihr berufliches Todesurteil. Der Minister weiß zuviel über sie, er wird sie verhaften lassen, ihr Leben und ihre Karriere zerstören.

Mit seinem Monolog eröffnet die auf Albert Ostermaiers Bühnenfassung beruhende Inszenierung von „Das Leben der Anderen“. Sie konzentriert sich auf vier Personen, und tut gut daran kein Abklatsch des Donnersmarck Überfilms zu sein. Auch die nächste Szene leitet im Film bereits das Ende der Handlung ein: Die verzweifelte Schauspielerin (überzeugend: Eva Marianne Kraiss) versucht, ihren Verrat zu rechtfertigen. Genial, wie der Stasioffizier (Björn Lukas) als stummer Zeuge auch dem Publikum schon die ganze Zeit buchstäblich im Nacken sitzt (während er im Film auf dem Dachboden saß).

Der Abend spinnt zum einen Handlungsfäden des Films weiter: So erleben wie den Schriftsteller Dreymann als gebrochenen Mann der Gegenwart, der in der BRD nicht mehr Fuß fassen kann, weil „das ideologische Netz fehlt und das ökonomische nicht zu tragen vermag“.

Zum anderen gelingt es, Perspektiven hinzuzufügen wie der eingangs beschriebene Monolog des cholerischen, machtbesessenen Minister, den Jürgen Reinecke mit eine Intensität spielt, die einen schaudern lässt. Wo das Stück allerdings versucht, vermeintliche Leerstellen im Film zu beleuchten, offenbaren sich die Probleme der Bühnenfassung und Inzenierung. Sie geben dort Erklärungen wo keine notwendig sind: Der überlange Monolog des Stasioffiziers im Zentrum des Abends, in dem Schauspieler Björn Lukas nicht durchgängig zu fesseln vermag, ist ein Beispiel für eine Überdosis nachgelieferter Fußnoten. Was im Film nur durch wenige Bilder angedeutet werden muss (seine Einsamkeit, sein zunehmender Ekel vor dem System) wird hier förmlich zerredet, überdies um eine daumendick klischeehaft aufgetragene Kindheit ergänzt. Das nimmt den Zuschauern eher Raum, als dass neue Einblicke entstünden. Die Inszenierung bleibt ein spannendes und gelungenes Wagnis. Sie ist, wo sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht entblödet, Ex-DDR-Bürger vor die Kamera zu ziehen, die von „herrlich sorgenfreier Zeit“ im System DDR berichten, von Brisanz. (AKT 17 November 2010 von Christina Gath)

Aufführung des Monats

Der gläserne Mensch

Wie groß ist das Risiko, einen Filmstoff, der erst kürzlich mit einem „Oscar“ ausgezeichnet wurde, auf die Bühne zu bringen? Sicherlich so groß, dass manch einer daran scheitern könnte. Was man aber zurzeit im Horizont Theater erleben kann, verdient wirklich Hochachtung. „Das Leben der Anderen“ gewinnt hier als Theaterstück eine ganz eigene Faszination. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass noch in vielen Köpfen der Film präsent ist. Die theatrale Fassung konzentriert sich auf vier Personen: Das Künstlerpaar Christa Maria Sieland und Georg Dreymann, den SED-Funktionär Hempf und natürlich den Stasi-Spitzel Wiesler. Auf der Bühne findet kaum Interaktion statt. Den Großteil der Handlung machen vier eindringliche Monologe aus, in denen jeder der Handelnden seine Motive und seine Sicht der Dinge darlegt. Dies ermöglicht auch einen Blick aus unterschiedlichen Zeitperspektiven, von DDR-Regime bis hin zu den Jahren nach der Widervereinigung. Diese Konzentration auf das Wesentliche und die Nähe zu Zuschauer schaffen eine ganz eigene Intensität, wie sie im Film nicht möglich ist. Besonders deutlich wird dies beim Monolog der Christa-Maria ; gespielt von Eva Marianne Kraiss. Sie gesteht, Dreymann verraten zu haben und erklärt. Warum sie nicht anders konnte. Sie weiß das die Wohnung abgehört wird. Deshalb hat sie die Dusche aufgedreht – um durch das Geräusch des laufenden Wassers ihre Stimme zu übertönen. Jede einzelnen Rolle ist treffend besetzt. Theaterleiter und Regisseur Christos Nicopoulos wurde als junger Mann in seiner griechischen Heimat selbst zum Opfer von Bespitzelung. Diese Regiearbeit bezeichnet er als seine bisher schwierigste und persönliche Herausforderung. Das ist dem Stück deutlich anzumerken. (Kölner Illu November 2010)